ImageStill ist es, alle Geräusche sind weit weg. Das was ich sehe ist eine Momentaufnahme, die sich als Standbild in mein Gehirn einbrennt. Ich liege im Kiesbett, einige Meter hinter mir liegt die RC8 und schon wird es wieder dunkel. Das nächste was ich sehe ist Blut, welches auf den geöffneten Reißverschluss meiner Lederkombi hinabtropft. Ich spüre Leute um mich herum, kann sie jedoch nicht sehen und noch bevor sich ein weiterer Gedanke formen kann, drifte ich wieder ab. Irgendwann durchbricht Licht diese seltsame Dunkelheit. Ich liege entkleidet auf einem Untersuchungstisch, ein Arzt leuchtet mir mit einer kleinen Taschenlampe in die Augen. Er redet mit mir in gebrochenem Deutsch und das Erste was ich verstehe ist seine Frage, ob ich denn einen Augenfehler hätte. Ich versuche mich auf die Frage zu konzentrieren und verneine, merke jedoch gleichzeitig mit ein wenig Verwunderung, dass ich mit dem linken Auge nur sehr verschwommen sehen kann. Ich fühle mich wie in Schaumgummi verpackt, mustere so gut ich kann meine Umgebung und begreife, dass ich mich im neuen Medicalcenter am Pannoniaring befinde.

Langsam kommen die Empfindungen wieder zurück, wobei das Schaumgummigefühl eindeutig besser war. Der Körper meldet starke Schmerzen im Nackenbereich und unter dem rechten Rippenbogen.Der Arzt sagt ich soll tief und ruhig atmen und 2 Frauen von Fahrerkollegen stehen plötzlich um mich herum und fragen nach meiner E-Card, Telefon, usw. - ich kann Ihnen jedoch nicht sagen, wo sie diese Sachen finden können. Alles ist immer noch sehr verworren und als die Frauen wieder vom Fahrerlager mit den gesuchten Gegenständen zurückkommen, sind für mich gefühlt 5 Minuten vergangen und in Wirklichkeit waren es eher 45. Man drückt mir mein Handy ans Ohr, meine Frau K.rin ist am anderen Ende, ich fasle verwirrt was von: "Bin gestürzt, aber es geht schon.." in das Telefon und noch bevor K.rin was antworten kann gebe ich das Handy wieder zurück an die andere Karin, welche neben mir am Untersuchungstisch steht.

Während ich nach der Erstversorgung im Medicalcenter mit dem Rettungswagen nach Steinamanger in das Unfallkrankenhaus zur weiteren Untersuchung gebracht werde, klart sich mein Kopf langsam auf. Bequem liege ich auf der Vakuummatratze und es wäre beinahe perfekt, wenn da nicht die unbequeme Halskrause und der mir regelmäßig in das linke Auge leuchtende Rettungssanitäter wäre. Langsam, praktisch mit jedem Tropfen der Infusionslösung die in meinen Blutkreislauf gelangt, kommen die Erinnerungen wieder zurück und ich beginne zu verstehen, was eigentlich passiert ist.

Ich hatte also einen Unfall auf der Rennstrecke, aber wie ist es dazu gekommen? Wer den Pannoniaring kennt, der kennt auch die Kurve 13. Das ist der schnelle Rechtsknick vor der langsamen Hauskurve, vor dem man spät bremst, mit angelegter Bremse in den Rechtsknick umlegt, um danach beim Aufrichten zur Hauskurve hin die Bremse voll anzuziehen und wieder lösend in die Hauskurve nach links einlenkt. Genau zu Beginn dieser Kurvenkombination, also der Kurve 13, hatte ich passender Weise am Freitag den 13. ein wenig Unglück - oder halt Glück, das hängt jetzt von der Betrachtungsweise ab. Das ist so ähnlich wie mit dem halb vollen oder halb leeren Wasserglas und da kommt es nun einmal darauf an, ob sich im Wasserglas Bier, oder Wasser befindet und ob man es austrinken muss, oder darf.

Wie auch immer, ich nähere mich also der Kurve 13, bremse mich in Richtung der Kurve ein und mit einem Schlag blockiert das Vorderrad. Das kommt nie gut, schon gar nicht in Schräglage. Ich löse die Bremse und der darauf folgende unvermeidliche Wackler lässt mir an dieser Stelle nur mehr die Option "ab in das Kiesbett" übrig. Während ich durch das Kiesbett pflüge wird mir klar, dass das Kiesbett nicht ausreichen wird und ich wohl quer über die durch die Linkskurve wiederkehrende Strecke in das 2. Kiesbett der Kurve 14 muss. Dort will ich dann, also wenn das Motorrad langsamer geworden ist, versuchen in einen weiten Bogen nach rechts zu fahren, damit ich nicht nach dem 2. Kiesbett in den Begrenzungszaun der Strecke einschlage. Aber das ist nur graue Theorie, ein netter Plan, welcher möglicherweise ein andermal funktionieren könnte. Diesmal funktioniert dieser Plan allerdings nicht.

Das Motorrad ist noch viel zu schnell als es sich ansatzlos nach vorne überschlägt und es mich hoch aus dem Sattel hebt. Meine Erinnerung endet auch hier mit einem Standbild, die KTM ist tief unter mir und von der Perspektive her muss ich in der Luft auf dem Kopf stehen und nach hinten blicken. Danach wird es finster und man könnte an dieser Stelle wieder zum Beginn meiner Erzählung zurückgehen. Ich wusste nach dem Sturz nicht, wie und wo es mich genau zerlegt hat. Ich war der tiefen Überzeugung, dass ich im 2. Kiesbett einen Purzelbaum geschlagen habe. Vermutlich weil ich gedanklich und von der Blickführung bereits im 2. Kiesbett war. Dem war aber nicht so. Laut der Erzählung eines Zusehers hat sich das Motorrad beim Übergang aus dem 1. Kiesbett heraus auf die durch die Kurve 14 zurückkommende Strecke überschlagen. Ich verpasste den Streckenüberflug nur ganz knapp und dürfte dabei mit dem Helm im Bereich des linken Hinterkopfes auf den Asphalt aufgeprallt sein. Dabei quittierte der Helm sein Leben mit einem Riss in der Helmschale und ich begab mich durch den Aufprall in den Energiesparmodus.

Wie die Schrauberei am Motorrad in den Wochen danach zu Tage brachte, dürfte die Ursache für das Hoppla die von mir in aller Eile, natürlich kurz vor dem Turn, gewechselten Bremsbeläge gewesen sein. Dabei habe ich die Bremskolben ohne Reinigung zurück geschoben und einer der Bremskolben bewegte sich durch die Dreckablagerungen nur mehr sehr ruckartig. Bei starken Bremsvorgängen war alles kein Problem. Die Bremse bremste wie gewohnt. Nur beim gefühlvollem Anlegen der Bremse, also in die Kurve hinein, gab es das Problem, dass dieser Kolben anscheinend nur sehr ruckartig ausfuhr und dadurch die Bremswirkung schlagartig anstieg. Das heisst, ich ziehe die Bremse an, bis es vom Gefühl her passt und halte die Bremse konstant. Durch den anliegenden Druck auf den Kolben fährt dieser kurz danach ruckartig weiter aus und und das Vorderrad blockiert. Es kann natürlich auch sein, dass die Bremse durch den Kolben nicht mehr restlos löste und der Belag an der Bremsscheibe überhitzte. Die Auswirkung war eben so, dass bei starken Bremsungen alles normal erschien, die Bremse jedoch nicht mehr gut dosierbar war. Die Bremse fühlte sich komisch, irgendwie ein wenig anders an. Ich führte dies auf die neuen Beläge zurück, welche natürlich besser als die *hüstel* leicht beschichteten Trägerplatten, weil mehr war von den alten Belägen nicht mehr übrig, funktionieren sollten. Nachdem die Bremse sich bei starken Bremsungen genau das machte was sie sollte, dachte ich mir nur, dass ich mich erst wieder an die neuen Bremsbeläge gewöhnen muss. Tja - war allem Anschein nach ein Irrtum.

Im Unfallkrankenhaus angekommen kam ich in den Genuss einer Gesundenuntersuchung, mit Kopf und Halswirbel CT, Brustkorbröntgen und Ultraschall Untersuchung auf innere Verletzungen. Starrte dabei stundenlang die diversen Zimmerdecken vor den Untersuchungsräumen an und blickte auf einmal in das fragend grinsende Gesicht vom Roman. Diesen Blick, den er gerne für spezielle Momente aufsetzt, kenne ich nur zu gut. Egal ob es mich vom Dreirad, vom Fahrrad, vom Motorrad, von einem Baum oder von einer Felswand in einem aufgelösten Steinbruch gezogen hat. Immer sah ich danach in dieses Antlitz und wurde mit einer Frage aus der Kategorie - "Alles klar bei dir?", oder halt so ähnlich, konfrontiert. Unsere Kindheit liegt jetzt schon länger zurück, sein Gesicht ist mittlerweile *hmm* "größer" und das Haar grau geworden, aber oft schon wenn ich in meinem Leben einen Freund gut gebrauchen konnte, dann war dieses Gesicht einfach da und mir ging es dadurch gleich wieder besser. Danke Roman - und nein, dein Gesicht ist schon ok so wie es ist. K.rin hat ihn angerufen und er hat darauf gleich alles liegen und stehen lassen und sich auf den Weg zu mir gemacht.

Im Krankenhaus wurde ich also nach einigen Stunden Untersuchung als Hypochonder entlarvt, die Pupillenerweiterung beim linken Auge hatte sich wieder gelegt und die Pupille reagierte wieder normal auf Licht. Die Schürfwunden auf meiner Nase wurden verklebt und die Platzwunde am Kinn genäht (fragt mich bitte nicht wie es zu der Wunde an dieser Stelle kommen konnte). Ausgestattet mit einem mehrseitigen Bericht auf ungarisch, keine Ahnung was da alles drinnen steht, durfte ich das Krankenhaus am späteren Nachmittag wieder verlassen. Roman brachte mich danach noch zur Rennstrecke. Von der eigenen Rückfahrt mit meinem Bus und dem Wohnwagen wurde ich von den Anwesenden mit sanfter Gewalt abgehalten. Günter übernahm dankenswerter Weise die Fahrt nach Wien und seine Lebensgefährtin zockelte geduldig im PKW unserem Gespann hinterher.

Die Sachbeschädigung am Motorrad hielten sich in Grenzen. Die Lederkombi hatte nur am Oberarm einen schwarzen Abrieb und ein Schuh musste zur Reparatur. Das Teuerste war wohl der Transponder, der ging entzwei und wieder einmal eine Fußraste am Motorrad. Die Verkleidung war reparierbar und der Rest nur Kleinmaterial. Der Helm war zwar etwas teuer, aber dort soll man ja bekanntlich nicht sparen. Er war es vor allem aus dem Grund, weil meine Kinder das Design aussuchen durften und die haben da halt ein spezielles Händchen. Was soll's - Kinder sind halt nicht billig - jetzt verstehe ich es auch. Die Nähte am Kinn wurden von K.rin gezogen, die kann das mittlerweile wirklich gut und es wäre noch besser, wenn Sie sich dabei das sadistische Lächeln verkneifen könnte. Das Peitschenschlagsyndrom begleitete mich noch ein halbes Jahr, ist aber mittlerweile auch schon wieder Geschichte.

An dieser Stelle möchte ich mich auch noch bei allen Helfern bedanken, die in der Box meine Sachen zusammen gepackt, mein Motorrad versorgt und beim Verladen mitgeholfen haben.

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